Die angespannte politische Lage in den türkisch-deutschen Beziehungen hat sich in letzter Zeit deutlich zugespitzt. Die Wortgefechte werden längst außerhalb diplomatischer Gepflogenheiten und Wortwahl geführt. Die gewählte scharfe Rhetorik seitens der Spitzenpolitiker bildet eine weitere Eskalationsstufe in den Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei und wirkt sich zunehmend negativ auf das Gesellschaftsleben der hier in Deutschland lebenden Türken und türkischstämmigen Deutschen aus.


Bekanntermaßen ist die türkische Bevölkerung in Deutschland im Zuge der ab 1950 eingesetzten Arbeitsanwerbungen aus der Türkei aufgrund der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg eingewandert. Insofern haben die türkischen Arbeitskräfte einen wichtigen Beitrag zum Aufschwung Deutschlands geleistet. Die nachfolgenden Generationen der damaligen Einwandererfamilien sind mittlerweile besser in die Gesellschaft integriert und können unzählige Erfolge in der Arbeitswelt, Bildung, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Sport und anderen Bereichen aufweisen.  


Durch die vorliegende Krise ist zu befürchten, dass die in Deutschland ohnehin schon latent vorhandene Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung zunehmen werden, mit der Rolle der türkischen Mitbürger als Leidtragende.

Viele der populistischen Aussagen über die in Deutschland lebenden Türken erstarken den Rassismus. Aufrufe deutscher Politiker gerichtet an bestimmte Gruppen, das Land zu verlassen, sind beispielhaft für diese diskriminierende und unterdrückende Haltung. Die Infragestellung von Grundrechten und -freiheiten nach der parteipolitischen Zugehörigkeit des Einzelnen empfinden wir aus Sicht der Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte als höchst anstößig.  
  
Insbesondere droht die Situation der Jugendlichen aus einem sozial schwachen Umfeld mit unzureichender Sprachkompetenz (in Deutsch und Türkisch), schlechter Schulbildung sowie unqualifizierter Tätigkeit, trotz vorhandener Begabung und Potential, noch aussichtsloser zu werden. Gerade dieser jungen Einwanderergeneration muss man eine gute Bildungs- und Berufsperspektive bieten können und dabei im Sinne der Bilingualität die deutsche und türkische Sprache auf höchstem Niveau vermitteln. Für die persönliche Entwicklung und Selbstverwirklichung der Jugendlichen ist neben einer erfolgreichen Integration in die deutsche Gesellschaft deren Identitätswahrung (Verbundenheit zur modernen Republik Türkei) und (sprachliche) Kulturpflege genauso essentiell.

Während die Probleme der in Deutschland lebenden Türken dringend auf Lösungen warten, sind taktlose, maßlose, verfehlte sowie auf persönliche Vorteile bedachte Äußerungen auf beiden Seiten unbedingt zu unterlassen. Die türkische Gemeinde hat solch eine Behandlung in keinster Weise verdient.

Der vorgezeichnete Weg von Atatürk
Auf dem Weg zur modernen Zivilisation hat der Staatsgründer Atatürk die innen- und außenpolitischen Leitlinien der Türkei wie folgt beschrieben:

“Als ein transparentes und praktikables politisches Prinzip sehen wir die nationale Politik an. Eine illusionistisch-träumerische Haltung in Anbetracht der heutigen Weltlage kann keine größere Verfehlung sein. Dies schreibt uns die Geschichte; lehrt uns die Wissenschaft, Verstand und Vernunft.
Stärke, Glück und Wohlstand unseres Volkes bedingen ein nationales Politikverständnis des Staates. Nationale Politik bedeutet im Kern das Hinwirken auf diese Ziele für unser sicheres Fortbestehen innerhalb unserer Grenzen und vorallem aus eigener Kraft heraus. Sie hat gegenüber der zilisierten Welt eine menschliche und auf gegenseitige Freundschaft ausgelegte Erwartungshaltung.”

Nach Atatürks Sinnbild hat die Außenpolitik im Einklang mit dem Inneren zu sein. Atatürk fasst die realistische, pazifistische und auf gegenseitiger Freundschaft basierende Außenpolitik in Verbindung mit nationaler Sicherheit und Interessen als Gesamtheit auf.

Die heutige Lage zeigt jedoch ein Bild, in der die Türkei mit all ihren Nachbarländern zerstritten ist und in Folge einer kurzsichtigen, illusionären neo-osmanischen Außenpolitik an Ansehen und Einflussnahme eingebußt hat.

Gäbe es überhaupt die heutige Eskalation in den Deutschland-Beziehungen, wenn eine langfristige, wirksame, seriöse, verbindliche und würdevolle Außenpolitik im nationalen Interesse verfolgt worden wäre?

Wäre es zu dem politisch motivierten ‘Völkermord’-Beschluss des deutschen Parlaments in dieser Form gekommen?

Hätte man es hingenommen, dass ethnisch- und glaubensmotivierten Extremisten unter dem Vorwand des politischen Asyls sowie staatsfeindlich gesinnten, religiös fundamentalen Sekten freie Betätigung zugestanden wurde; und deutsche Waffenlieferungen an verlängerte Arme der Terrororganisation PKK erfolgten?

Die Türkei muss sich auf Atatürks Gründungsprinzipien wieder zurückbesinnen, bevor es zu spät ist. Dem pazifistischen Leitgedanken “Friede im Land, Friede auf der Welt” und den außenpolitischen Leitlinien von Atatürk folgend sollten die freundschaftlichen Beziehungen mit der zivilisatorischen Welt wiederhergestellt werden.

“Die kemalistische Türkei hat der ganzen Welt bewiesen, wie eine Nation durch eine stabile Wirtschaftspolitik zu einem ebenbürtigen Mitglied iinerhalb der Staatengemeinschaft aufsteigen kann”. Wie einst 1938 mit diesen Worten die Financial Times als außenstehender Beobachter konstatierte, muss die Türkei ihre würdevolle Stellung wieder einnehmen.

Hochachtungsvoll
Verein zur Förderung des Gedankenguts Atatürks in Hessen e.V.

6. September 2017

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